Lift09, Heute ist die Zukunft von Gestern

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen auf Einladung von Mozilla in Genf an der Lift-Konferenz teilzunehmen. Das Motto der Konferenz war “Where did the Future go?”, also: Wie hat man sich früher die Zukunft vorgestellt, was ist aus ihr geworden geworden, wie wird sie wohl werden? Es war das erste Mal, dass ich an einer Konferenz mit so offener Agenda teilgenommen habe und ich war unsicher, was mich dort erwarten würde.

Wer TED kennt, weiß wie solche Konferenzen aussehen und da Lift eine Partnerveranstaltung von TED ist, wurde auch genau das geboten: Eine Menge kluger Menschen, die über ein interessantes Thema in ihrem Leben sprechen. Die Idee ist simpel, aber enorm wirkungsvoll. Nach 3 Tagen ist man vollgesogen mit fantastischsten Ideen, Informationen und Bildern.

Im Gegensatz zu TED wurden hier alle Vorträge schon kurze Zeit später ins Netz gestellt. Hier sind sie, zur freien Verfügung für jeden. Und weil dem so ist, hab ich ein kleines Video zusammengestellt, dass mehr die Eindrücke unserer kurzen Reise wiedergibt als die einzelnen Vorträge:

Obwohl ich fast alle Vorträge interessant oder zumindest anregend fand, stachen einige ganz besonderes heraus, vielleicht weil der Vortragende etwas spezielles an sich hatte oder mich das Thema sehr gepackt hat.

Zum einen ist da David Rose zu nennen. Rose forscht zum Thema Ambient Devices. Damit sind Geräte gemeint, die immer da sind, uns immer zur Verfügung stehen, aber unsere Aufmerksamkeit nicht fordern. Ein klassisches Beispiel für Ambient Design ist die Wanduhr. Sie ist immer da, man kann mal eben kurz aufschauen, und hat die Info, die man braucht und kann weiter arbeiten, lesen etc.

In einer Welt, die immer komplizierter wird, sind es diese Dinge, die einem helfen, die Informationsflut zu bändigen. Sie liefern Informationen, wenn man sie braucht und halten sich ansonsten im Hintergrund. In diese Richtung geht auch eines seiner Prototypen: Der Regenschirm, der blau leuchtet, wenn es an diesem Tag regnen wird. Ich kann mir also den Blick ins Internet sparen, und weil der Schirm immer in der Nähe der Tür hängt, würde ich ihn nie vergessen, wenn ich morgens aus dem Haus gehe, auch wenn es am Morgen noch nicht regnet.

Rose hat das mit dem Schwert von Frodo verglichen, das blau leuchtet, wenn Orks in der Nähe sind. Im Grunde heißt das, das Objekt weiß, wann es gebraucht werden wird, es ist sich also seiner Umwelt bewusst, wie auch der Schirm ein Bewusstsein für seine Umgebung hat. Natürlich kein Bewusstsein im menschlichen Sinne, aber es entwickelt sich von einem dummen Objekt zu einem, das quasi „mitdenkt“.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist wie Magie“, und er hat recht. Frodos Schwert ist nicht das einzige Beispiel dafür. Wer sich jetzt dafür interessiert, dem empfehle ich den ganzen Vortrag:

Ein anderer, der mich sehr beeindruckt hat, war Vint Cerf. Er ist der Erfinder des TCP-Protokolls, also einer grundlegenden Technologie, die das Internet erst möglich gemacht hat. Er hat es in den 1970ern entwickelt und gilt daher heute als einer der Väter des Internets. Ich weiß nicht, ob er so glücklich darüber ist. Er fing seiner Rede damit an, dass er sich mit dem berühmten sprechenden Hund verglich. Die Menschen sind so begeistert, dass er sprechen kann, dass niemand sich dafür interessiert, was er eigentlich sagt.

Leider muss ich sagen, dass es mir ganz ähnlich ging, aber vielleicht aus einem etwas anderen Grund. Der Vortrag war durchaus spannend, ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, dass die Beschränkung auf den 32Bit-Adressraum in IPv4 seine “Schuld” ist. Bei der Entwicklung des Protokolls 1977 schlug er vor, das ganze erst in einem kleinen Testbetrieb zu untersuchen, um den Adressraum dann im Regelbetrieb auf 128Bit oder mehr zu erhöhen. Der Experiment dauert bis heute an und nennt sich Internet 🙂

Viel interessanter als das, was er vorgetragen hat, fand ich aber, wie  er es getan hat. Wie er seinen Vortrag mit seinen Händen begleitet hat, das war einfach phänomenal. Die meisten wissen gar nicht, wohin mit den Händen, stecken sie in die Taschen oder fuchteln wild herum. Vint Cerf dagegen ist der Meister der Gesten, im Grunde hätte er auch gut auf den Projektor verzichten können. Es war faszinierend, zu sehen, wie er auch komplexe Zusammenhänge durch Gesten verständlich machen konnte, zum Beispiel das interplanetare Protokoll, dass er im Auftrag der NASA entworfen hat, damit Raumsonden, die den Mars umkreisen beim Datentransfer Rücksicht darauf nehmen, dass die Verbindung instabil ist und Laufzeiten von 20 Minuten und mehr hat. Übrigens ein Protokoll, dass sich die US-Army gekrallt hat, obwohl es noch im Teststadium war (Dejavu anyone 😉 ). Jemand aus dem Publikum hat ihn gefragt, woran er als nächstes arbeiten würde, die Antwort war gar nicht so überraschend: an einem intergalaktischen Protokoll, um Daten zwischen Galaxien auszutauschen, wie gesagt, ein faszinierender Mensch.

Nach Chris Hofmanns Vortrag kam er zu uns an den Tisch, um mit Chris zu sprechen. Das wäre die einmalige Gelegenheit gewesen, einer richtigen Internetlegende eine gute Frage zu stellen, aber ich saß daneben, und dachte nur oh mein Gott, das ist Vint Cerf, ich muss ziemlich dämlich ausgesehen haben. Im Nachhinein hätte ich ihm gerne eine Frage gestellt: Was denkt jemand, der so viel zur technische Kommunikation gearbeitet hat, über menschliche Kommunikation.
Vielleicht klappt‘s ja auf der nächsten Konferenz. Auch sein Video ist online:

Außerhalb der eigentlichen Konferenz hatte das Computermuseum Lausanne einige etwas ältere, aber noch voll funktionsfähige Rechner aufgestellt. Ich hatte fast schon Tränen in den Augen, als ich meinen ersten Computer da stehen sah, einen Atari 520ST. Interessant war auch folgendes Bild, es liegen 20 Jahre zwischen diesen beiden Produkten von Apple:
dsc_0369.jpg

2 thoughts on “Lift09, Heute ist die Zukunft von Gestern”

  1. Danke für diesen tollen Bericht. Da wird man ja richtig neidisch …
    Vint Cerf gehört also zu denen, die einmal das Protokoll für die Subraum-Kommunikation entwickeln werden. Interessant. 😉

    PS: Gutes Video. Womit hast du das zusammengestellt?

  2. Hallo Thomas, freut mich, dass es dir gefällt. Das Video hab ich mit iMovie09 erstellt, seit kurzem eines meiner Lieblingsprogramme, ich hab schon langsam Angst, zum richtigen Apple Fanboy zu werden 😉

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