Umgang mit Communites

Vor kurzem hat heise.de sehr schön vor Augen geführt, wie man mit einer Community nicht umgeht. Dabei ging es darum, dass man alle Forenbeiträge löschen wollte, die vor mehr als 2 Jahren geschrieben worden waren. Offenbar war man sich der Brisanz der Sache gar nicht bewusst, denn nach einer Woche heftiger Proteste der User wurde zurückgerudert: Die Beiträge bleiben erhalten. Als jemand, der selbst seit über 5 Jahren ein Forum betreibt, konnte ich mich über die Naivität bei Heise nur wundern. Wenn man user generated Contet erlaubt — und nicht anderes ist ein Forum — muss man sich im Klaren darüber sein, dass man damit auch eine Verantwortung übernimmt, eine Verantwortung den Beiträgen der User gegenüber.

Natürlich werden 99% der geschriebenen Forenbeiträge schon nach zwei Wochen vergessen und niemals wieder gelesen, und natürlich ist der allergrößte Teil es auch nicht Wert, in irgend einer Weise aufbewahrt oder archiviert zu werden, aber und das ist ein großes Aber: Ein Forum ist mehr als die Summe seiner Teile. Jeder einzelne Beitrag formt erst das Ganze, jeder einzelne Beitrag trägt zur Forenkultur, zum kollektiven Forengedächtnis bei. Und jeder einzelne Beitrag wurde von einem Menschen geschrieben, für manche Threads haben diese Menschen mehrere Stunden ihres Lebens geopfert. Egal was die Nutzungsbedingungen sagen: Die Beiträge gehören den Menschen, sie zu löschen heißt sie zu berauben, es heißt sie ihrer digitalen Vergangenheit zu berauben. Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Identität.

Im Jahr 2003 wurde mein absolutes Lieblingsforum “dasforum.de” geschlossen und damit gingen Jahre an bester Diskussion komplett verloren. Verantwortlich war ein Anwalt, der ein geschütztes Gedicht eines Mandanten über die Google-Suche in irgendeinem alten Thread gefunden hatte. Da Deutschland auch damals noch ein Entwicklungsland war, was das Internetrecht angeht, wurde der Betreiber zur Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung gezwungen. Und wie verhindert man, dass noch einmal jemand ein geschütztes Gedicht in ein Forum postet? Genau: In dem man das Forum schließt. Das Forum war kein kommerzielles Projekt, und nachdem der Betreiber schon privat viel Geld verloren hatte, wollte er sich keinem weiteren Risiko mehr aussetzen.

So weit verständlich, aber damit waren sämtliche Beiträge, die in jahrelanger Arbeit von der Community geschrieben worden waren, von einer Minute zur nächsten für genau diese Community nicht mehr erreichbar. Ich selbst habe ein paar Texte verloren, an denen ich wirklich sehr gehangen gehabe. Die Community hat dann ein neues Forum gestartet, und sehr viele Mitglieder der alten Community haben tatsächlich den Neubeginn gewagt, aber es war eben nicht mehr das selbe, und die Community zerfiel mit der Zeit einfach. Dem neuen Forum fehlte eine Geschichte, auf die man sich hätte berufen können. Auch ganz konkret: Wenn im alten Forum gerade etwas weniger los war, konnte man in die Archive gehen und sich stundenlang durch die sehr interessanten alten Threads lesen. Man konnte schauen, wie die alten Hasen sich bei ihren ersten Gehversuchen angestellt hatte und wie sich das Forum zu dem entwickelt hatte, was es aktuell war.

Kurz gesagt: Eine Community aufzubauen kostet Zeit. Diese Zeit ist einfach nötig und sie lässt sich nicht abkürzen. Der Berg an Informationen, der sich in dieser Zeit bildet, ist für die Community von enormer Bedeutung, und er gehört ihr. Niemand bei Verstand würde sich die eigenen Wurzeln abschlagen, das Löschen dieser Informationen kommt dem sehr nah.

Übrigens: Lost Threads, Smalltalk, Schaltzentrale etc. sind nicht meine Erfindungen. R.I.P. dasforum.de

6 thoughts on “Umgang mit Communites”

  1. Ah, das ist einteressant. Der erste Beitrag im ersten richtigen Thread kommt also von einem Freund von mir, wie überraschend 😉

  2. naja, man kann auch viel reininterpretieren. Ein Forum ist auch ein Haus, wenn der Müll überquillt ist ein Hausputz ist ja nicht so verkehrt. Natürlich kann sich keiner hinsetzen und händisch auslesen…. die Bronsksche Wertediskussion würde nun losgetreten werden.

    Bißchen Text da… sieh mal A.T., nebenan sind drei UO-Server geschlossen worden, nebst den Foren auch die Plattform, die händisch erstellt wurde, nicht maschinell. Jeder Grasbüschel der da stand, hast sich einer bemüht…. nun ist alles weg. Alles, auch die Foren, die gut gefullt waren. So ist das nun mal. Es gibt sooo viel nun nicht, was wert wäre, Jahrhunderte zu überdauen. Ich kann dir Geschichten erzählen… aber nichts kann ich dir davon noch zeigen. Dein Fx-Forum wäre dann das Happy End – ist noch da 😉

  3. S.i.T. Haus und Forum kann man nicht direkt vergleichen. Das eine ist physisch vorhanden und da nimmt Müll auch physischen Platz weg, das ist bei virtuellen Werten ja nicht der Fall oder zumindest vernachlässigbar. Ich kann die Foren noch gute 10 Jahre weiterführen, bevor ich Platzprobleme bekomme.

  4. So wie man im Haus nichts mehr findet, ist es in der virtuellen Ecke auch nicht anders. Rechenleistung 4 GHz und dann hängt man an jeder Hausecke und befaßt sich mit Dingen die uralt und ohne Bedeutung sind. Die Abhängigkeiten von Suchmaschinen inkl. der Manipulatonen was gefunden werden soll, was nicht, nimmt ja von Tag zu Tag zu. Oder glaubst ich habe die Muse einen 40-Seiten-Thread in einem Forum duchzuackern weil die interne Suche ergab…. dort findst es? Oder 100 von Threads anzuklicken… uralt. Da bin ich noch nicht beim 10ten Klick, will ich alles gar nicht mehr wissen. Mittlerweile zählen ja die Klicks mehr als der Inhalt. Wenn dann noch die Flackerorgien der Ads-Bannerfarmen dazwischen sind, jeder 2. Klick eine Werbeseite zwischenschaltet, ist es Grund genung alles stehen zu lassen bis zum Nimmerleinstag. Dann gibt es ja noch die Zwischentöne in reichlicher Form, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben, die aber sich manchmal dermaßen in den Fordergrund drücken, daß das eigentliche Thema nebensächlich wird. 4 GHz wollen auch Pause machen 😉

    So ist das 🙂 Schönen Sonntag.

  5. Und dann gibt es ja noch die nicht gerade rare Variante der Userbindung:

    In Google ganz oben, geht man hin, liest, steht dann: “Um die Links lesen zu können, mußt du angemeldet sein.” Meldet man sich an, klickt drauf: 404 und wenn man vielleicht Glück hat:, liest man dann am Ende des Links: “funktioniert nur bis Version 1.0.” Blättert man in der Wicki, kommt man zu dem Schluß, man hätte nicht die neue Version nehmen sollen, denn würden auch die Wickitips mit den Erläuterungen funktionieren.. Wie gut, daß man die alte Version aufgehoben hat.

    Oder zu jeder Suche irgendwelche psychedelischen Captchasbilder lösen, dies nur unter Zuhilfenahme merkwürdiger Substanzen machbar ist. Dann reicht nicht ein Bild, sind es schon zwei und am Ende doch nix verwerbares um ein Problem zu lösen.

    Immer gut, wenn nix zwickt oder man nebenan wen hat, denn die Zeit um die Communitys abzuklappern, das zu finden was man braucht… da gehe ich lieber mit dem Nachbar ne Schoppe petze.

    Zum Fall heise – selten, daß dort zu einer Meldung sich Hintergrund-Infos anreihen. Eine oberflächliche Sprechblasenansammlung, je nach Lager und Lage der Nation, mal in die, mal in die andere Richung. Aber Wert erhalten zu werden? Nebenan, ein klick weiter, wieviele Threads zu Firewall und Virenscanner? Was ist der beste Tip? Mist, der Tip ist von 2003. Die eine Firewall gibt’s schon nicht mehr, das andere System in der Form auch nicht… und die Tipgeber sind auch nur noch jenseits von Gut und Böse anzutreffen.

    Nun ist ja unser Browser ein recht gutmütiges Erbe, und bis der mal umfällt im Normalbetrieb, ist’s System auch im Eimer. Von daher stört’s mich nicht, wenn andere sich bei dir – vielleicht in 10 Jahren – durchwühlen müssen, den Vormittag dort verbringen, am Nachmittag zum basteln kommen und am abend feststellen – funktioniert nicht, nun ist alles kaputt. 😀

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