Deine Schuld

Heute habe ich einen Artikel in der Süddeutschen gelesen, der mich so frustriert hat, dass ich schreien wollte. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen derzeit enorm und damit steigt auch die Zahl der hungernden und verhungernden Menschen. Die wirtschaftsstarken Staaten tragen dazu bei, indem Sie hohe Zölle für Agrarimporte aufstellen, gleichzeitig die eigene Landwirtschaft massiv subventionieren und die Entwicklungsländer dazu zwingen, Zölle für Agrarimporte abzubauen. Damit entziehen sie den landwirtschaftlichen Betrieben in den Entwicklungsländern die Grundlage zum Wirtschaften, was diese Länder auch bei den Grundnahrungsmitteln vom Weltmarkt abhängig macht.

Der zentralafrikanische Bauer kann also absurderweise sein Getreide auf dem Markt seiner Stadt nicht so günstig anbieten, wie der europäische Händler, der sein heftig subventioniertes Getreide von Europa nach Afrika verschiffen lässt. Der Bauer kann sein Land nicht mehr bewirtschaften, verarmt, hungert, verhungert. Dieses abartige System, das nur wenigen nutzt, aber vielen schadet, ist auch das System der Europäischen Union*, wir in der EU sind es also, die dieses System mit aufrechterhalten und für den definitiv vermeidbaren Hungertod von Millionen in den Entwicklungsländern sorgen. Dies sind keine neuen Erkenntnisse, wir wissen, dass wir die Menschen dieser Welt vor dem Tod durch Hunger retten könnten, wenn wir für eine gerechte Verteilung sorgen würden, und doch berührt es uns kaum, wenn wir die völlig unglaubliche Meldung hören, dass letztes Jahr wieder 8 Millionen Menschen verhungert sind. Warum?

Heute, 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs werden die Aufseher in den Konzentrationslagern des 3. Reiches als Monster betrachtet, weil sie dem unsäglichen Leid der Inhaftierten mit dem völligen Fehlen von Mitgefühl begegneten. Mitgefühl aber ist es, was den Menschen – und nur den Menschen – auszeichnet. Erst wenn man jemanden als Ballast, Abschaum oder Feind empfindet, aber nicht mehr als Menschen also als einen Gleichen, kann man sich der Empathie entledigen, die den Menschen davon abhält, all die Dinge zu tun, die uns so schwer fallen tatsächlich zu glauben. Mag der Genozid an den Juden noch als Kampf gegen einen Feind aufgefasst worden sein, so kann das für die Eugenik nicht mehr gelten. Das unsagbare Leid, das – nicht nur – Kranken und Behinderten angetan wurde, hatte eine rein rationale Grundlage, schließlich stellte sich die Frage, was sie den Staat und die Gesellschaft kosteten. Man musste die Menschen also nur als Ballast sehen, um sich der Empathie für sie zu entledigen. Doch pure Vernunft darf niemals siegen!

Empfinden wir noch Mitgefühl für die hungernden und verhungernden dieser Welt oder betrachten sie als unnötigen Ballast, auf den wir verzichten können? Werden uns unsere Enkel und Urenkel auch einmal als Monster betrachten, weil wir solches Leid für unsere Mitmenschen mit einem Achselzucken und ohne jegliche Empathie hinnehmen? Die Ärzte haben recht: Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär’ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

*Die EU ist nicht der einzige Staat(enverbund), der das Spiel mit den Zollschranken beherrscht, aber da ich mich gerade auf eine Prüfung über die Geschichte der EU vorbereite, wird mir bei solchen Zeitungsmeldungen die Absurdität einiger Eigenheiten der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik) noch einmal ganz besonders bewusst.

4 thoughts on “Deine Schuld”

  1. Naja neu ist das wirklich nicht. Ich denke da spontan an die Butterberge von der EU vernichtet wurden. Und was die Agrarwirtschaft angeht unterscheiden wir uns nicht wirklich von der DDR. Angebaut wird was Subventionen bringt.
    Eine weitere menschliche Eigenschaft ist, dass man sich unter Gefahr selbst der nächste ist. Zum einen haben wir da die Existenzangst der Bauern. Ohne die Subventionen dürften ziemlich viele dicht machen.
    Zum anderen haben wir noch die Ängste des gemeinen Mannes, der Panik davor hat, dass die Lebensmittelpreise steigen und er sich deshalb überlegen muss ob er sich den großen Fernseher, Auto, was auch immer noch leisten kann.
    Und dann gibt es ja noch die Politiker die wiedergewählt werden wollen und deren Chancen schlecht stehen, wenn sie sich nicht für die einsetzen die sie gewählt haben. Als angedacht wurde die Agrarsubventionen zu kürzen sind vor allem die Franzosen auf die Barrikaden gegangen – erfolgreich!
    Natürlich sind diese Ängste im Verhältnis zu den Problemen eines Verhungernden lächerlich, aber: “… pure Vernunft darf niemals siegen!”

  2. Die Grundnahrungsmittel müßten in der heutigen Zeit für jeden Menschen bezahlbar sein. Leider ist es wie man unter anderem in den Berichten der Tageszeitungen lesen kann nicht der Fall. Es ist erschreckend wie viele Menschen in einem Jahr wegen Hungersnot sterben. Die Grundnahrungsmittel müßten für jeden Menschen da sein, auch für die die kein Geld haben.

  3. Die Weltmarktpreise für verschiedene landwirtschaftliche Produkte steigen. Dadurch könnte der afrikanische Bauer seine Produkte endlich verkaufen – so er bis heute überlebt hat.
    Wie üblich, wird auf dem Gebiet mit wenig Sachkunde berichtet.
    Die EU subventioniert ihre Bauern – sonst würden diese durch die erzwungene Marktöffnung nicht überlebt haben.
    Jetzt könnte die EU (man könnte auf Grund ihres Budgets meinen, es sei eine Landwirtschaftsunion) ihre Agrarsubventionen drastisch senken, da ja die Preise weltweit anziehen. Die Überschüsse sind ja in den vergangenen Jahren weitgehend verschwunden, und dadurch entfällt auch die subventionierte Exportpraxis schon weitgehend.
    Klar ist auch: gestiegene Weltmarktpreise und auch bei uns steigende Lebensmittelpreise machen es immer mehr Menschen schwer, für ihr täglich Brot zu sorgen. Die überwiegende Mehrzahl der Verhungernden sind nicht in der EU, sondern in Afrika, Asien oder auch den Nachfolgestaaten der UdSSR beheimatet.
    Für die Menschen aus diesen Ländern ist die EU das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Kein Wunder, dass sie mit allen Mitteln und unter höchstem Lebensrisiko in Massen versuchen, in dieses gelobte Land zu gelangen.

  4. Michael, du verwechselst da etwas. Die EU-Bauern würden es ohne Subvention schwer haben und viele Betriebe müssten geschlossen werden, weil sie vielleicht nicht so günstig produzieren könnten wie afriakanische Bauern, aber sterben würden die Bauern nicht, jedenfalls nicht an Hunger. Nur die Bauern in Entwicklungslänern sterben – an Hunger!

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