Du

An das duzen hier muss man sich wirklich erst gewöhnen. Gestern in der Vorlesung: Ein Kommilitone geht in der Pause zum Prof (ja, es gibt hier Pausen) und begrüßt ihn mit: “Hallo Morton, hast du meine E-Mail bekommen?”. Ich muss zugeben, ich war ziemlich verdutzt, klar kenne ich die Regel, dass hier nur der König gesiezt wird, aber auf die Idee, den Prof zu duzen wäre ich nicht gekommen, irgendwie gibt es da noch eine psychologische Hemmschwelle. Einerseits finde ich es zwar eine sehr gute Idee, es schafft ein freundlicheres Umfeld, viele kommen so von ihrem hohen Ross runter und das anstrengende Taktieren zwischen siezen und duzen entfällt, andererseits hat es aber auch etwas trügerisches und oberflächliches. Der Chef ist nunmal der Vorgesetzte und hat mehr Macht, da hilft auch alles duzen nichts, man steht eben nicht auf der selben Stufe, wenn es hart auf hart kommt.

Trotzdem hat es etwas erfrischendes und vor allem an der Uni kann es einem doch die Angst vor der Institution nehmen und vor allem den falschen Respekt vor Autoritäten, man grüßt eben Morton und nicht Prof. Dr. Fjeld.

6 thoughts on “Du”

  1. Das fiel mir am Anfang sehr schwer. Aber je mehr man sieht desto komischer kommt einem doch die alte Heimat vor. Das bestehen auf SIE kennen die hier auch nur aus Deutschland oder dritte Welt Ländern. Auf der anderen Seite sind hier Vorlesungen/Übungen extrem locker gehalten, ab und an wünsche ich mir schon einen schreienden und meckernden Prof aus Deutschland zurück 😉

  2. Wir “durften” unsere Profs auch generell dutzen, allerdings halte ich von diesem 68er Hype nicht allzuviel… aber vielleicht scheint das bei den Sozialwissenschaftlern mittlerweile Normalität zu sein 🙂 Egal, Hauptsache, das Betriebsklima stimmt… und darauf eine fette Currywurst und alles wird gut

  3. In Holland geht man auch anders mit Du (Jij) und Sie (U) um: überwiegend werden Chefs geduzt und Oma, Opa, Onkel, Tanten gesiezt. Und der Pastor natürlich.

    Übrigens, wie halten das die Engländer und Amerikaner eigentlich mit dem, was wir als Sie und Du aussprechen?

  4. Nun, da heißt es immer noch Mr. Fjeld und nicht Morton. Außerdem ist das you eigentlich ein Sie, aber das ist ja inzwischen nur noch Geschichte.

  5. Ich hab das Selbe in Island erlebt, dort werden alle Menschen vom Präsidenten bis zum Polizisten geduzt und mit Vornamen angesprochen.

    Bei meiner (Sprach)-Reise nach Island hab’ ich es gewagt eine Polizisten mit Sie anzusprechen, ohne zu wissen, dass ‘Sie’ im Isländischen nur als weibliches Personalpronomen existiert und nicht als Anrede. Eine isländische Freundin konnte den Ordnungshüter ‘Odin sei Dank’ aufklären.

    Nebenbei: In Island sind selbst die Telefonbücher nach Vornamen geordnet…

  6. Wobei die Nachnamen in Island sowieso Makulatur sind, denn dort heissen Töchter nach der Mutter (Gudmundsdottir fällt mir da ein) und Söhne nach dem Vater. Wenn ich mich nicht irre.

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